Außenwirtschaft: Reale Außenwirtschaftstheorie


Außenwirtschaft: Reale Außenwirtschaftstheorie
Außenwirtschaft: Reale Außenwirtschaftstheorie
 
Traditionell erklärt die reale Außenwirtschaftstheorie das Aufkommen von Handel durch internationale Spezialisierungseffekte aufgrund von Unterschieden in der Produktivität oder in der Faktorausstattung mit Kapital und Arbeitskräften. Der Außenhandel sollte daher stattfinden zwischen kapitalintensiv produzierenden Industrieländern und arbeitsintensiv produzierenden Entwicklungsländern. Empirische Analysen zeigten jedoch, dass Spezialisierungsgewinne nicht alle Facetten des internationalen Handels erklären.
 
 Traditionelle reale Außenwirtschaftstheorie
 
Noch in der Zeit des Merkantilismus wurde der Außenhandel als ein Nullsummenspiel betrachtet. Dabei ist Handel mit anderen Ländern nur für das Land, das mehr exportiert als importiert, gewinnbringend. Erst in der klassischen Nationalökonomie erkannte man, dass Wohlfahrtsgewinne auch dann erzielt werden können, wenn kein Ausfuhrüberschuss realisiert wird, da durch die internationale Arbeitsteilung auch die internationale Produktivität steigt. Nach Adam Smith (1723 - 1790) ist der Außenhandelsgewinn für die Welt dann am höchsten, wenn sich jedes Land auf die Produktion derjenigen Güter spezialisiert, die es am preiswertesten herstellen kann. Der englische Ökonom David Ricardo (1772 - 1823) verallgemeinerte dieses Theorem der absoluten Kostenvorteile. Das von ihm aufgestellte Theorem der komparativen Kosten besagt, dass jedes Land sich auf die Produktion und den Export derjenigen Güter spezialisieren sollte, die es mit dem kleinsten absoluten Nachteil (relativer komparativer Kostenvorteil) produzieren kann. Nach Ricardo lohnt sich Außenhandel nicht nur, wenn zwischen zwei Ländern bei der Produktion desselben Gutes absolute Kostenvorteile bestehen, sondern auch, wenn ein Land bei der Produktion aller Güter dem Ausland unterlegen ist. Solche Kostenvorteile können durch Produktivitätsunterschiede, aber auch durch Faktorausstattungsunterschiede erklärt werden.
 
In den 1950er-Jahren unternahm der amerikanische Volkswirtschaftler Wassily Leontief (1906-1999) den Versuch, den Zusammenhang zwischen Faktorausstattung und Handel der USA und 200 Ländern empirisch zu testen. Obwohl die USA im internationalen Vergleich gut mit Kapital ausgestattet waren, fand Leontief jedoch Importe, die relativ kapitalintensiv produziert wurden, und Exporte, die relativ arbeitsintensiv waren. Dieses Resultat, das Leontief-Paradoxon, widersprach neben den Ergebnissen anderer Studien den Erwartungen der traditionellen Erklärungsansätze, wonach die USA kapitalintensiv produzierte Güter exportieren und arbeitsintensiv produzierte Güter importieren sollten.
 
 Weiterentwicklung der traditionellen Ansätze
 
Weitere Erklärungsansätze für den internationalen Handel folgten. So wurden neben Kapital und (ungelernter) Arbeit auch qualifizierte (gelernte) Arbeitskräfte als dritter Produktionsfaktor betrachtet. Dabei zeigte sich, dass der Bildungsgrad der Arbeitskräfte eines Landes dessen Faktorausstattung und komparativen Vorteil im internationalen Handel beeinflusst. Außerdem wurde erkannt, dass nicht in allen Ländern eine einheitliche Technologie vorhanden ist und damit identische Produkte erstellt werden können, sondern dass technologische Monopole existieren. Länder mit technologischem Vorsprung produzieren industrielle Güter mit neuer Technologie und besitzen daher zunächst einmal einen komparativen Vorteil in Form eines Exportmonopols. Die anderen Länder dagegen produzieren und exportieren technologisch vereinfachte, nachgeahmte Produkte erst nach einer gewissen zeitlichen Verzögerung (Imitationslag). Der amerikanische Ökonom Raymond Vernon (* 1913) verband 1966 die Existenz des technologischen Monopols von Ländern oder Unternehmen mit dem Lebenszyklus von Produkten. Jede der vier Phasen des Produktlebenszyklus ist dabei mit einer Form des internationalen Handels verbunden. Volkswirtschaften tätigen aber nicht nur intersektoralen Handel, sondern im- und exportieren gleichzeitig sehr ähnliche Güter derselben Branche. Die Existenz dieses intensiven intraindustriellen Handels zwischen industrialisierten Ländern wird v. a. durch das Auftreten von oligopolistischer oder monopolistischer Konkurrenz erklärt. Da die Konsumenten eine »Liebe zur Vielfalt« haben, steigt ihr Nutzen mit der Anzahl differenzierter Produkte. Intraindustrieller Handel ist daher lohnend, weil die Produktvielfalt durch mehr Anbieter steigt. Aufgrund hoher Fixkosten und den gewünschten kleinen Produktionsmengen besteht ein permanenter Anreiz zur Produktionsausdehnung. Dies verschärft die Konkurrenzsituation, denn eine Industrie kann nur eine bestimmte Anzahl einzelner Monopolisten aufnehmen, die jeweils ein differenziertes Produkt herstellen. Der Export ermöglicht daher die Realisierung steigender Skalenerträge (Größenvorteile). Die Koexistenz von intra- und interindustriellem Handel kann also durch monopolistische Konkurrenz und technologischen Vorsprung erklärt werden. Je ähnlicher die Faktorausstattung zweier Länder hierbei ist, desto mehr Intrabranchenhandel findet zwischen ihnen statt.

Universal-Lexikon. 2012.

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